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Krieg und Alltag

Der Schatten über den Dingen und mein Müesli

Fünf Wörter stehen zu Beginn dieses Newsletters, eine Frage. «Und wie war Ihr Tag?» Ist es Ihnen vielleicht eine zu persönliche Angelegenheit, darauf ehrlich zu antworten? Oder ist Ihnen die Frage schon zu nahe? Denn bekommt man sie nicht eigentlich von seinem Partner oder seiner Partnerin gestellt, wenn man abends heimkommt? Oder von guten Freunden und Freundinnen bei einem Feierabend-Drink an der Bar? Und wer stellt Ihnen eigentlich gerade diese verdammt vielen Fragen?

Ich kann mich ja kurz vorstellen. Mein Name ist Marco Maurer, ich bin neu beim «NZZ Magazin», aber vielleicht doch auch schon ein alter Bekannter. Ich habe in der Vergangenheit Texte für das Magazin der «NZZ am Sonntag» geschrieben. Warum die Ukulele, die ich versuchte auf Hawaii zu lernen, mein Leben verändert hat. Oder wie ich beinahe einmal ein Eichhörnchen zähmte und als Haustier hielt (es kommt übrigens noch immer in meine Wohnung). Solche Dinge. Trotz diesen zugegeben manchmal etwas verschrobenen Texten und der Tatsache, dass ich in Deutschland geboren bin, hat mich das «NZZ Magazin» angestellt. Sie können mich auch gern einen Quotendeutschen nennen, fast jede Institution in der Schweiz, vor allem in Zürich, hat ja mindestens ein paar von diesen Geschöpfen. Immerhin heisse ich nicht Ulf. Allerdings habe ich schon viele Jahre hier gewohnt, in Freiburg, in Bern und auch schon in Zürich. Und nun schreibe ich mit meinen Kollegen und Kolleginnen Seraina Schöpfer, Christina Duss und Boas Ruh hier abwechselnd diesen täglichen Newsletter, der Ihnen eine Art Freund oder Freundin sein soll.

Zurück zu den Fragen vom Anfang, Sie müssen mir nicht antworten. Dennoch sollen diese fünf Wörter keine Floskel sein. Kein «How are you?», wie es einem in amerikanischen Supermärkten gerne entgegengeschleudert wird. Denn mich interessiert Ihr Empfinden wirklich. Wie geht es Ihnen? Was beschäftigt Sie gerade? Wenn Sie mögen, schreiben Sie mir an marco.maurer@nzz.ch oder auf Twitter.

Mich beschäftigen gerade zwei Dinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist der Krieg, und es ist ein Birchermüesli. Zum Krieg, er liegt wie ein Schatten über den Dingen. Es ist mein erster und letzter Gedanke, morgens und abends. Auch allen meinen Freunden und Freundinnen geht es so. Wann habe ich zuletzt so eine breite gesellschaftliche Angst verspürt? Fukushima? Nein. Tschernobyl? Vermutlich, aber ich war noch zu jung damals. Aber komisch, man bekommt auf den Strassen und Plätzen kaum etwas mit von diesem Krieg, Zürich, sonnig, 12 Grad, Strassencafé. Wie kann es dann sein, dass ein Mann wie Christoph Blocher sagt: «Durch die Teilnahme an den Sanktionen ist die Schweiz jetzt im Krieg.» Ich vermute ja, ihn hat schon lange niemand mehr gefragt, ob es ihm gutgeht.

Zur zweiten Sache, dem Birchermüesli. Ich schreibe derzeit noch abwechselnd aus Hamburg und Zürich. Bevor ich vor drei Wochen meine kleine Wohnung in der Schweiz verlassen habe, machte ich mir frühmorgens ein Müesli. Am Flughafen merkte ich, dass ich den Behälter mit dem frisch angesetzten Müesli in meiner Schweizer Küche vergessen hatte. Doch ich hatte keine Zeit mehr umzudrehen. Jetzt steht seit drei Wochen ein Birchermüesli in einer kleinen Wohnung in Zürich Wipkingen. Ich hoffe, ich habe dort nicht aus Versehen einen Bioreaktor gebaut und Sie lesen diese Woche nicht im «Blick» davon, «Bioalarm in Wipkingen». Sollte es zu dieser Boulevard-Überschrift nicht kommen und erhalte ich mehr Zusendungen mit dem Wunsch nach einem Foto von meinem Bioreaktor als ablehnende Mails, veröffentliche ich nach meiner Ankunft an dieser Stelle ein Foto davon.

Krieg und Alltag, ich sagte es bereits, das beschäftigt mich gerade. Es liegt ein Grauschleier über dem Hier und Jetzt, auf Kiews Strassen und, verzeihen Sie mir diesen dünnen Witz, mindestens über meinem Birchermüesli. Haben Sie es gerade mitbekommen? Ich habe zwei Song-Titel zu Anfang dieses Absatzes eingeflochten. Im Jahr 1980 veröffentlichte die deutsche Band Fehlfarben nämlich ihr Album «Monarchie und Alltag». Darauf sind die beiden Songs «Grauschleier» und «Hier und Jetzt» zu finden, wie auch ein weiterer Song, der leider aktueller nicht sein könnte. In ihm heisst es: «Schuld hat der Präsident / Es geht voran! / Graue B-Film-Helden / Regieren bald die Welt / Es geht voran!» Eine Dystopie, nah wie fern, die Sorge über den Kalten Krieg war gross, wuchs Stunde um Stunde. Und das Opernhaus neben der NZZ «brannte» im übertragenen Sinn. Nun verabschiede ich mich von hier mit einem Punk-Song aus genau dieser Zeit, «Ein Jahr (Es geht voran)». Und wie war Ihr Tag?

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Newsletter «Und wie war Ihr Tag» des «NZZ Magazins».