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Hin oder weg?

Die eine Stadt fühlt sich wie zu Hause an. Die andere nicht aber für sie sprechen Studienplatz, Job oder Liebe. Woher weiß man, welcher Ort der richtige für einen ist? Und kann man sich aussöhnen mit einer Stadt, in der man eigentlich nie leben wollte? Ein Essay

Es passt nicht zwischen uns.
Sie ist weder sensibel noch sinnlich, und besonders sympathisch ist sie auch nicht. Ich empfinde sie immer als zu kühl. Lebensfreude kann ich an ihr kaum entdecken, und ihr Äußeres empfinde ich sogar als hässlich, obwohl das viele Menschen anders sehen.
„Ich kann mit ihr nicht zusammenleben“, denke ich seit drei Jahren und versuche doch, unsere Zweckehe aufrechtzuerhalten.
Die Rede ist nicht von einem Partner. Ich habe Probleme mit einer Stadt. Insgeheim murmele ich manchmal sogar „Hamb urgh“ in mich hinein.

Wäre sie eine Frau, nicht einen weiteren Tag würde sie in meinem Leben Platz finden. Aber in Hamburg habe ich Arbeit und gute Freunde gefunden. Und beides gibt man nicht auf, nur weil einem die Stadt nicht gefällt. Oder?
Vielen meiner Freunde geht es ähnlich. Sie haben das Gefühl, am falschen Ort zu leben. Eine Freundin etwa schimpft schon seit Jahren über München. Auf Instagram sehe ich sie sehr viel kochen und verreisen; sie entflieht der Stadt, indem sie sich in ihr Zuhause zurückzieht oder in fremde Länder fliegt. Eine andere Freundin wohnt hier, über den Dächern von Altona, und plant immer ihren Abschied, wenn der Regen wieder einmal tagelang auf ihr Dachfenster prasselt. „Aber der Job ist halt gut“ , sagt sie dann. Und bleibt. Ich selbst habe in Bern studiert, einer Stadt, über die nicht wenige meiner Mitstudenten sagten, man halte es dort nicht länger als ein Jahr aus zu wenig Nachtleben, zu wenig Bars, Langweile. Sie zog es nach Zürich und Berlin. Ich dagegen liebe die Stadt und ihren Fluss, gerade wegen ihres langsamen Herzschlags, ihres Dahinplätscherns.

Warum ist das so, dass wir manche Städte mögen und andere nicht leiden können? Hängt es mit uns selbst zusammen oder mit äußeren Einflüssen? Können wir dagegen ankämpfen? Und wann ist es besser aufzugeben?

Mit zwei Listen setze ich mich in den ICE nach Berlin. Die eine ist eine Tabelle mit Städten, in denen ich gelebt und mich wohlgefühlt habe: München, Bern, Fribourg, Augsburg, Zürich. Auf der anderen Seite steht die Stadt, mit der ich mich schwertue: Hamburg. Beide Puzzleteile zusammengesetzt, ergibt sich ein ziemlich eindeutiges Nord-Süd-Gefälle. Irgendwo zwischen Bodensee und Flensburg verläuft für mich offenbar eine unsichtbare Grenze, die „lebenswert“ von „nicht erstrebenswert“ trennt.

DINGE, DIE ICH AN DIR HASSE

Berlin-Charlottenburg, Fraunhoferstraße 33, neunter Stock, Raum 924. „Ausgerechnet Fraunhoferstraße“ , sage ich zu Martina Löw, einer Suhrkamp-Autorin, die hier an der TU Berlin über die Differenz von Orten forscht und Bücher wie „Soziologie der Städte“ geschrieben hat. Die Fraunhoferstraße ist in München eine der zentralen Straßen nahe dem Gärtnerplatz, an dem ich mich gerne aufhalte. Und als reichte das nicht, gibt der Blick aus Martina Löws Fenster die Aussicht auf ein Gebäude der TU frei, das in einem ähnlichen Gelb gestrichen ist wie das Lenbachhaus in München, ein Museum, in dessen Ausstellungen ich gerne war, Weißwein aus Kalabrien im angrenzenden Café getrunken und Frauen geküsst habe. Martina Löw lacht über die Zufälle.
Im Büro der Soziologin bin ich, weil mich eine Passage aus einem ihrer Essays beschäftigt: „Haben Sie sich schon einmal in einer Stadt unwohl gefühlt, als würde sie nicht zu Ihnen passen? Straßen scheinen zu eng oder viel zu weit, das Leben zu hektisch oder enervierend langsam. Dann kann es sein, dass Sie tatsächlich in einer für Sie falschen Stadt leben.“ Hinter diesem Satz steckt die Theorie der „Eigenlogik der Städte“ . Jede hat eine andere und damit auch einen anderen Charakter, einen anderen Beat.
Bereits ein paar Wochen vor unserem Treffen hatten Löw und ich uns am Telefon darauf verständigt, dass ich eine Liste anfertigen solle: „Dinge, die ich an dir hasse, Hamburg“.

Über das Wetter müssen wir nicht reden, der graue Himmel, das Frühjahr, das sechs Wochen später beginnt als im Süden Deutschlands, dass es zwar stets einen guten Frühlingsauftakt, aber nachweislich seit drei Jahren keinen Sommer gibt. Junge Frauen, die sich „Hamburger Deern“ nennen, das sich in meinen Ohren eher nach Prostituierter als nach stolzer Bewohnerin einer Stadt anhört. Diese Frauen wollen mit Anker-Tattoos, Pimkie-Jeans und Kite-Surf-Leidenschaft überzeugen. Zur Stadt an sich: Schon in München dachte ich als Radfahrer schwierig mit den Autos. In Zürich steigerte sich das, die Schweizer haben viel, aber kaum Radwege. Doch in Hamburg ist es eine Frechheit. Gibt es doch einmal Radwege, sind sie von Schlaglöchern durchsetzt und dazu so verblichen, dass sie keiner erkennt. An einer Einmündung nahe dem Michel (Budapester Straße/Clemens-Schultz-Straße, liebe Hamburger Stadtverwaltung) werde ich täglich fast von einem Laster überfahren. Apropos Michel: Der Hamburger stilisiert mittelmäßige Dinge zu etwas Besonderem. Und ich spreche nicht vom HSV, sondern von Orten wie dem Dom (prolliger Jahrmarkt), dem Michel (jede Kirche in einem süddeutschen Dorf ist eindrucksvoller), dem Hafen (ein Industriegebiet) und der Elbphilharmonie (ein okayes Konzerthaus).

Sogar die optisch nicht mittelmäßige Toni Garrn Topmodel, gebürtige Hamburgerin kann sich dem nicht entziehen. Dem „Zeit-Magazin“ erklärte sie neulich, was sie an ihrer Heimat mag: Es sind mehrere Dinge (Äpfel, die Alster), als zentral aber empfand ich den Satz: „Budni! Ich liebe Budni. “ Ein Drogeriemarkt, in Restdeutschland gänzlich unbekannt, wird als „außergewöhnlich“ dargestellt. Wenn wir schon bei einem Model sind, Hamburger Mode, o weh: Nett anzusehen sind nur die Zugezogenen. Ansonsten dominiert in der älteren Generation der Sky-du-Mont-Stil, unter den Jüngeren wollen eigentlich alle aussehen wie Christian Kracht. Außer in den alternativen Gegenden natürlich. In der Schanze trägt der linksgrüne Freelancer wohlstandsverwahrloste Balenciagas oder Birkenstocks. In der Zwischenwelt der beiden Milieus dominieren Leder, Fellkragen, Chromfelgen. Hauptsache dick auftragen. Hamburg zeigt, dass es Geld hat oder haben will.

PROTESTANTISCH UND SPASSBEFREIT?

Ich ärgere mich wirklich jeden Tag über diese Stadt und fühle mich dabei wie Waldorf oder Statler aus der „Muppet Show“, ein Rentner, schimpfend auf dem Balkon. In Hamburg habe ich das Häusliche entdeckt. Mein Balkon, ich nenne ihn die grüne Flora, ist meine Flucht in den Süden. Er erinnert mich an das Blumenbeet meiner bayerischen Großmutter: von allem etwas und insgesamt also viel. Balkon-Barock. Auf allen umliegenden Balkons meiner Straße (und, soweit ich das überblicke, auch der restlichen Stadt) regiert dagegen Nüchternheit: Eine Buchsbaumkugel im Steintopf wird als üppiges Grün empfunden. Ich bin sicher, das deutsche Bienensterben beginnt an der Elbe.
Martina Löw freut sich über meinen Rant. Für sie bin ich ein wissenschaftliches Feld. Sie hat Hunderte Interviews mit Städtern geführt und sie zu ihren Eindrücken befragt. So erzählten ihr einige Darmstädter, sie könnten in ihrer Stadt so wunderbar entschleunigen und dadurch besser arbeiten, andere stöhnten, die Ruhe und Konsensorientierung der Stadt mache sie wahnsinnig.

Löw selbst gehört zur letzteren Sorte. Als sie an der TU Darmstadt eine Professur hatte, wohnte sie lieber in Frankfurt. Zudem könnte sie sich zwar vorstellen, in Duisburg („Der Hafen und die Widrigkeiten der Stadt entwickeln eine Energie bei mir“), niemals aber in Stuttgart zu leben („Bietet mir nix“). Experten wie Löw gehen davon aus, dass eine Stadt zu bestimmten Menschen passt oder eben nicht, ähnlich wie bei Liebespartnern.
Gegen Ende unseres Gesprächs analysiert Löw: München gewinne für mich wegen des Gegensatzes Stadt/Land, die Alpen seien ein wichtiger Bezugspunkt, auch die Rolle Münchens als eine Art liberale, sozialdemokratische Insel in Bayern. Zudem spiele sich in München viel draußen ab, an der Isar, im Englischen Garten, in den Biergärten, was zu meinem Typ passe. Das stimmt. Mehr noch: München ist für mich eine magisch leichte Stadt. Ob Winter oder Sommer, immer sieht sie aus, als läge ein Instagram-Filter über ihr. Die Menschen sind stets gut gekleidet, eine Traumstadt, eher Bühne als Realität, wie das „SZ-Magazin“ neulich schrieb. Alles wirkt wie in einem Theaterstück, die Versammlungsorte unter freiem Himmel, die funkelnde Isar, das Licht.
Hamburg dagegen ist für mich eine architektonisch lieblose Anhäufung von Gebäudekomplexen. Die Backsteinbauten lösen bei mir ein ähnlich beklemmendes Gefühl aus wie die Schwarzwald-Häuser mit ihren tiefen Walmdächern. Ob uns die eine oder andere Stadt gefällt, hängt von unserer Kindheit ab, sagt Löw. „Bin ich mit bestimmten Haustypen aufgewachsen? Kann ich mehr oder weniger mit ihnen anfangen? Welche Sprache sprechen die Häuser? Gibt es einen Fluss?“
Ich habe immer in Städten mit Flüssen gelebt, doch im Gegensatz zu München und Zürich nutzen die Hamburger ihre Gewässer anders, sie segeln oder rudern auf Alster und Elbe, statt einfach mal in ihnen zu schwimmen. Meine These: Die Hamburger gehen nicht baden, weil sie spaßbefreit sind, was wiederum mit den Nachwirkungen des Protestantismus zu tun hat. Motto: „Wir zeigen uns nicht nackt.“ Löw bestätigt diese wilde Theorie. Tatsächlich mache es einen Unterschied, ob eine Stadt protestantisch oder katholisch geprägt sei. „Eine protestantische Ethik setzt voraus, dass die Einwohner sich bemühen, ein nicht allzu verschwenderisches, dafür arbeitsintensives und vernünftiges Leben zu führen. Und das spricht natürlich dagegen, mittags das erste Glas Wein zu trinken.“ Genau das mache ich aber gerne.
Ich frage Martina Löw, ob ich etwas tun kann, dass Hamburg und ich doch noch zueinanderfinden. Dass ich meinen Frieden mit dieser Stadt mache, die mir Energie zieht, weil ich immer wieder gegen sie ankämpfe. Der erste Weg sei, sich mit den Regeln einer Stadt vertraut zu machen. Das habe ich versucht. Ein anderer wäre, sich immer wieder abzugrenzen, etwa Witze über Hamburg zu machen. Diese Phase habe ich auch schon hinter mir. Martina Löw schaut mich daraufhin lange an. Dann sagt sie ruhig, aber bestimmt: „Geben Sie auf, Herr Maurer. Suchen Sie sich eine neue Stadt.“Im Zug zurück nach Hamburg denke ich über ihre Worte nach. Ich bin noch nicht bereit für einen Abschied.

IN DER FREMDE ZUM PATRIOTEN GEWORDEN

Wenige Tage später skype ich mit Benjamin, 32, wilde Locken, wilder Bart, breite Schultern. Könnte Surfer in Sankt Peter-Ording oder Wellenreiter am Chiemsee sein; ist studierter Rhetoriker und Betreiber einer Waveboard-Anlage in Bad Aibling, und wohnt seit zwei Jahren in München in einem Viertel, in dem ich auch gelebt habe: Giesing. Aufgewachsen ist er in Quakenbrück, später ist er nach Hamburg gezogen, das dann zu seiner Traumstadt wurde. Sie zu verlassen und für den Job nach München zu gehen, nennt er „einen Riesenfehler“ .
Münchener hätten ein anderes Temperament, ständig werde er gefragt, woher er komme. Ihn regt die CSU und ihr Motto „Politik für Bayern“ auf, das sich doch sehr nach „Bavaria First“ anhöre und damit genau zu der bayerischen Arroganz passt, die er so verabscheut. Hamburg sei seit Generationen eine bunte Weltstadt, München dagegen nur die Metropole einer Provinz mit einem umso größeren Minderwertigkeitskomplex. Aktuell sei er an dem Punkt angekommen, an dem er seinen Hass kultiviere. Er cornert gerne, das mache in München kaum einer, stattdessen sitzen dauernd alle im Biergarten, was für seinen Geschmack immer so ein bisschen nach CSU-Klüngelei rieche. Außerdem rede der Bayer zu laut. Und dafür, dass alles irre posh sei, sei das Kulturangebot fast lächerlich klein. Internationales Flair? Nicht vorhanden. Feiern in München sei leider auch nicht möglich, „kommste arm zurück“ . Dazu Sperrzeit, keine Spätis und die sauteuren Wohnungen. Ein Wort für Bennis München: Katastrophe.
Auch wenn sich Hass nie sympathisch liest, Benni ist ein sehr angenehmer Typ, lacht viel, auch über sich selbst. Er ist in der Fremde zum Patrioten geworden. Und ich ja leider auch.
In drei, vier Jahren will Benni zurück nach Hamburg, seine Frau, Juristin und gebürtige Brasilianerin, hat er schon überredet. Benni und ich verabreden, dass ich ihm meine Münchner Bars, er mir seine Hamburger Lieblingsorte zeigen wird. Er nennt als Erstes die Karaoke-Bar „Thai Oase“ , für mich die Ina Müller unter den Hamburger Läden: zu laut, zu dumpf, zu unoriginell. Ich meide sie seit drei Jahren, habe beinahe körperliche Angst vor dieser Bar.

PERMANENTER KRIECHSTRESS

Zuerst muss ich noch einmal nach Berlin. Mein letzter Ansatz: der Nervenarzt. Ich liege zwar nicht auf einer roten Liege, fühle mich aber wie ein Therapiefall. Mazda Adli, Stressforscher und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, nickt viel, während ich erzähle. Adli hat das Buch „Stress and the City“ geschrieben, das sich damit beschäftigt, wie das Leben in Großstädten unsere Psyche beeinflusst. Ein Hauptfaktor dafür ist „Stadtstress“ , der sich auch dann entfalte, wenn, wie bei mir, eine „unüberwindbare Mentalitätslücke“ vorliegt. Stadtstress ist „permanenter Kriechstress“, also immer unter der Oberfläche. Kommt dann aber anderer Ärger hinzu, etwa eine nervende Jobsituation, kann einem der Kragen platzen. Verantwortlich dafür: Hormone wie Cortisol und Adrenalin. Innerhalb kürzester Zeit steigern sich der Herzschlag, die Atemfrequenz, der Blutdruck, wir wollen flüchten oder kämpfen. Vor einem Umzug in eine neue Stadt, rät Adli, müsste man sich deswegen im Vorhinein mit dem Wertesystem dieser Stadt auseinandersetzen, mal eine Weile dort verbringen, um das Zusammensein zu testen.

Und auch meine Theorie vom Nord-Süd-Gefälle kann er bestätigen. In Städten, in denen es wärmer ist, gehe es langsamer zu, die Menschen seien entspannter. So hat beispielsweise ein britischer Psychologe der Uni Hertfordshire die Gehgeschwindigkeit von Passanten in 32 Städten gemessen. Kopenhagen, hoch im Norden, unweit von Hamburg, misst die schnellste europäische (10,82 Sekunden für 18 Meter), Bern die langsamste europäische (17,37 Sekunden) Schrittgeschwindigkeit. Im afrikanischen Malawi brauchen die Einwohner für dieselbe Strecke ganze 31,60 Sekunden. Zudem gebe es „ländliche und städtische Persönlichkeiten“. Erstere (wie ich) finden sich eher in gemütlicheren Städten zurecht.
Ist es also tatsächlich aussichtslos mit Hamburg und mir? Längst nicht, sagt Adli. Das Wichtigste sei, sich eine Stadt anzueignen, also ihre Gebräuche, ihr Wesen, ihre Eigenarten zu verstehen und sie sich dadurch zu eigen zu machen. Das habe ich schon getan. Ich erzähle ihm, dass ich in einem Hamburger Fußballverein spiele, Freunde habe, in Clubs und zu Vernissagen gehe. „Vielleicht müssen Sie nur noch eine kleine persönliche Konvention überschreiten“ , sagt er. „Sprechen Sie Leute an, mit denen Sie sich sonst nicht unbedingt unterhalten wollen würden. Oder gehen Sie in eine Bar, die Ihnen unsympathisch ist. “
„Bin ich therapiewürdig?“, frage ich ihn.
„Nein“, ich sei nicht krank, aber es wäre gut, wenn ich mit Hamburg Frieden schließe.

HEIDI FLÜCHTETE ZURÜCK IN DIE BERGE

Apropos Frieden. Ich kam nicht freiwillig nach Hamburg. Eigentlich war die Stadt nur als Zwischenstation geplant. Meine ehemalige Freundin und ich wählten Hamburg, weil NEON ein guter Platz zu sein schien. Mit der damaligen Chefredaktion einigte ich mich darauf, nur zwei von vier Wochen im Büro verbringen zu müssen, den Rest im Homeoffice in Zürich. Also: Hamburg zu nutzen, aber nicht in der Stadt zu leben, und in Zürich nebenbei ein berufliches Netzwerk aufzubauen. Ein, zwei Monate nach dem gemeinsamen Plan trennte sich meine Freundin von mir. Nun sollte Hamburg plötzlich Leben sein und in der Folge war vieles in Unordnung.
Wer seine Heimat nicht freiwillig, ohne das Gefühl eigener Kontrolle verlässt, hat ein besonders hohes Risiko, sich in der neuen Stadt fremd zu fühlen, hat ein Heimwehforscher aus New Hampshire herausgefunden. Mazda Adli und Martina Löw bestätigen das. Amüsant finde ich, dass Heimweh ursprünglich als Schweizerkrankheit bezeichnet wird. Das lässt mich an Johanna Spyris Kinderbuch denken. Heidi, die von der Stadt zurück in die Berge zum Großvater flüchtet, um ihren Stadtschmerz auszukurieren.
Meine ungeordnete Plattensammlung ist das letzte Relikt dieser Krankheit. In München, der Stadt, in der ich vor Zürich gelebt habe, war alles noch penibel geordnet. Durch die Umzüge wurde die Sammlung zusehends chaotisiert. Während ich die Fever-Ray- neben der Udo-Lindenberg-Platte in meinem Schrank betrachte, erinnere ich mich wieder an die „Thai Oase“ , Bennis favorisierte Bar. Sie wäre ein guter Ort, eine letzte Konvention im Sinne von Mazda Adli zu überschreiten.
Ein paar Tage später bietet sich wie zufällig die Chance, mit einem Bekannten dort hinzugehen, Karaoke zu singen, aber ich sage ab und fahre stattdessen nach Köln. Mittlerweile ist klar, dass die NEON eingestellt wird, und ich habe in Köln eine Joboption. Gute Redaktion, Karriereaufstieg, Top-Chancen. Aber: Köln?
Unter der Vorstellung Köln erscheint Hamburg plötzlich in besserem Licht, San-Francisco-gleich. Sind nicht die Toni-Garrn-Äpfel aus dem Alten Land wirklich sehr gut? Sind die Bauern auf dem Isemarkt nicht superfreundlich? Die „Walrus Bar“, ist die nicht top? Mein Fußballklub, Teutonia 10, ist das nicht ein gutes Plätzchen? Meine grüne Regenjacke, die ich extra für das Hamburger Scheißwetter gekauft habe, ist sie nicht wunderschön? Hat die Stadt mich nicht reifer gemacht? Und meine Freunde hier? Meine Wohnung? Das gezähmte Eichhörnchen im Hinterhof (siehe NEON 01/2017)? Habe ich hier nicht doch meine Heimat gefunden gegen alle Widerstände?
Köln, orangefarbene Wände, Vorstellungsgespräch, läuft gut. Wir sprechen über die Stadt, meine Chefin in spe deutet auf die restlichen vier Leute im Büro: „Keiner von uns ist freiwillig nach Köln gekommen, aber wir sind alle geblieben. “ Ich bin früh angereist, verbringe, wie es mir Mazda Adli riet, den Morgen und den Abend in der Kölner Südstadt. Es ist wunderschön. Es gibt Straßenbahnen, die schönste Art des öffentlichen Nahverkehrs, schwer vermisst in Hamburg. Alle lächeln. Ich wohne bei einer Freundin, in ihrem Hinterhof wachsen meterhohe Palmen. Sie sagt, Köln hätte milde Winter und lange Sommer, dattelbaumfreundliches Klima. Auch die Neustadt, bunt, hier ein französisches Bistro, dort ein persisches Restaurant unweit eines Biocafés, eine Kellnerin und ich flirten. Und überall spleenige Menschen jeglichen Alters; vor allem die Rentner. Köln, es passt zwischen uns.
Nächster Morgen: Ich fahre mit dem Zug zurück nach Hamburg; es nieselt, klar. Irgendetwas in mir will die Augen verdrehen und leise vor sich hinfluchen, aber als wir in Schrittgeschwindigkeit die Deichtorhallen passieren, ist da auch ein ganz anderes Gefühl. Die Stadt und ihre Unwirtlichkeit, ich glaube es mir selbst kaum, sind mir ans Herz gewachsen.
Auch hier gäbe es eine gute Joboption. Und ich weiß in diesem Moment, egal, was ich tun werde, es wird mir gefallen, denn: Ich darf mich nun entscheiden.