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Mein Vater, das Volk

Schon immer war der Vater unseres Autors konservativ, aber nie extrem in seinen Positionen. Dann klingelt das Telefon. Er wolle zu einer Kundgebung, auf der Frauke Petry spricht. Unser Autor macht sich Sorgen und begleitet ihn. Eine Begegnung mit einem politisch irritierten Mann, der für ein ganzes Land steht.

Meinen Vater und mich eint vieles, uns trennen aber auch Welten. Unsere gemeinsame Vorliebe für Münchner Biergärten, unsere Hingabe für einen Fußballverein im Süden Deutschlands, unsere Sturheit und unsere gescheiterten Beziehungen zu Frauen. Seit ich denken kann, ist mein Vater aber auch der CSU und ihrer großen Schwesterpartei, der CDU, sehr nahe. Bayern ist für meinen Vater die CSU. Er verehrt nicht Horst Seehofer und Markus Söder, sondern immer schon Franz Josef Strauß, Bayerns geliebten wie gefürchteten Übervater einer lang vergangenen Dekade. Rot-Grün unter Gerhard Schröder empfindet er heute noch als herbe Niederlage. Ich dagegen mache, seit ich wählen darf, mein Kreuz links von meinem Vater entweder bei Rot oder Grün.
Mein Vater ist ein Mann, auf den ich mich verlassen kann. Er wechselt im Frühjahr wie im Winter die Reifen meines Autos, fährt nach meiner Trennung den Umzugssprinter von Süd nach Nord und erzählt mir, schniefend auf dem Beifahrersitz, wie schlimm für ihn die Scheidung von meiner Mutter war.
Ausdruck dieser Zuverlässigkeit ist für mich der stattliche Bauch meines Vaters. Dieser Bauch ist ein hochsensibles Messinstrument, das die Stimmung der letzten großen Volkspartei Deutschlands, der CDU, wiedergeben kann wie Jörg Kachelmann früher das Wetter: detailgetreu. Wir deutschen Wähler können uns auf den ARD-Wahlexperten Jörg Schönenborn verlassen, aber im Gegensatz zum Bauch meines Vaters sind dessen Prognosen reiner Dilettantismus. Wenn ich wissen will, wie das Volk über die EU und Griechenland, die Maut und die Flüchtlinge denkt, setze ich mich ins Augsburger Wohnzimmer meines Vaters, esse mit ihm einen Topf voll heißer Würste in Zwiebelsud und höre in seinen Bauch hinein. Obwohl sich das gemütlich anhören mag, entwickeln sich dort an seinem Wohnzimmertisch oft unangenehme Debatten.

Ich war für die Abschaffung der Wehrpflicht – er nicht.
Ich bin für den schnellstmöglichen Atomausstieg – er nicht.
Ich bin dafür, dass auch Schwule und Lesben heiraten dürfen – er nicht.
Ich finde, der Islam gehört zu Deutschland – er nicht.
Ich bin dafür, dass Griechenland die Schulden komplett erlassen werden – er nicht.

Er muss meine Meinung ertragen, ich seine, auch wenn es uns schwerfällt. Nach diesen Debatten ist oft tagelang kein Gespräch mehr möglich. Am schlimmsten finde ich, dass sich mein Vater stoisch weigert, sich politisch korrekt auszudrücken. Ich arbeite wie mit einem Seziermesser an Sätzen; mein Vater spricht ab und an von „Gesindel“, wenn er Drogenabhängige meint, und von „warmen Brüdern“, wenn es um Homosexuelle geht. Aus der Zeit gefallene Sätze eines Franz Josef Strauß leben in meinem Vater fort; er ist weniger sensibel und geschult im Umgang mit Worten als ich. Er dagegen findet wahrscheinlich, ich sei ein versnobter Pedant.
So nah die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist, manchmal schmerzt sie uns. Inzwischen haben wir dazugelernt: Über Politik reden wir kaum mehr. Geraten wir doch mal wieder in eine solche Debatte, wechseln wir ungelenk das Thema. „Wie geht morgen das Spiel aus?“, fragt einer dann. Wir wollen unsere ansonsten gute Beziehung schützen.
Mein Vater vergreift sich zwar manchmal in seiner Wortwahl, findet aber die Aussagen der AfD-Politiker Beatrix von Storch („Merkel nach Chile“), Björn Höcke („tausend Jahre Deutschland“) und Frauke Petry („Schusswaffengebrauch“) unsäglich; er verurteilt die Anschläge auf Flüchtlingsheime. Ein Mann aus seinem Haus will ihn seit Monaten auf Pegida-Demos mitnehmen und drückt ihm Werbung des rechten Blogs „PI-News“ in die Hand. Doch zu Pegida würden meinen Vater „keine fünf Brauereirösser hinziehen“, sagt er.
So habe ich mir trotz unseres Richtungsstreits nie Sorgen gemacht, dass mein Vater nicht nur konservativ, sondern ein wenig zu weit rechts sein könnte.

Dann klingelte vor ein paar Wochen mein Telefon.

Mein Vater sagte, er überlege, ob er zu einer Veranstaltung der AfD im Augsburger Rathaus gehe, Frauke Petry habe sich angekündigt. Der Satz kam unvermittelt. Als das Reizwort mit den drei Buchstaben fiel, war mir zumute, als hätte man mir Koffein in die Venen gespritzt.
Auf meine Einwände antwortete mein Vater, die AfD-Vorsitzende Frauke Petry und Parteivize Alexander Gauland seien zwei lupenreine Demokraten. Da die lupenreine Demokratin Petry zuvor gesagt hatte, dass der Grenzübertritt von Flüchtlingen notfalls mit Schusswaffen verhindert werden müsse, war ich entsetzt. In dieses stille Entsetzen hörte ich meinen Vater sagen: „Ich bin immer gut mit der Union gefahren bis jetzt.“
Mein Vater ist siebzig Jahre alt und hat nie an seiner Berufswahl, Kaminkehrer, und auch nicht an seiner politischen Identität gezweifelt: beides pechschwarz.
Doch seit dem Telefonat frage ich mich: Was irritiert gerade diesen Mann, der 52 Jahre lang CDU-Politikern wie Kurt Georg Kiesinger, Helmut Kohl und Angela Merkel an die Macht verhalf? Woher kommt dieses Fremdeln mit der Partei? Hat sie sich verändert oder er selbst? Was sorgt ihn, und muss ich mich um ihn sorgen? Was geht 2016 im Bauch meines Vaters vor und damit im Volk? Driftet es nach rechts ab? Ich beschließe, meinen Vater zu begleiten.
Ein Freitagabend in Augsburg, eine Stadt inmitten Bayerns, mein Vater und ich gehen über das Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone. Er trägt sein bestes Jackett und eine rote Krawatte. Ich mag, dass sich ältere Herren in Schale schmeißen, wenn Weihnachten ist oder es um etwas geht. Und mein Vater ahnt, heute geht es um etwas. Nicht nur seine eigene Stimmungslage wähnt er verändert, sondern die eines ganzen Landes. Seit es mit Flüchtlingen umgehen lernen muss, seit das Attentat in Paris und die Kölner Silvesternacht den Blick vieler auf die Neuankömmlinge veränderten, ist da eine Unruhe. Auch Augsburg ist in Wallung, der CSU-Oberbürgermeister der Stadt bezeichnete Petry als „Botschafterin des Unfriedens“ und sprach ein Hausverbot für das Rathaus aus. Ein Gericht entschied jedoch, dies sei unzulässig. Petry darf kommen.

Mein Vater und ich schieben uns auf dem Rathausplatz durch Tausende Menschen. Sie demonstrieren hier als „Bündnis für Menschenwürde“ gegen die AfD. „Augsburg ist bunt“, rufen sie und lassen Ballons mit der Aufschrift „Amore statt Peng Peng“ in die Luft steigen. Ich entdecke vertraute Gesichter von früher, Bekannte, Freunde, Exfreundinnen. Ich habe hier mein Abitur gemacht, nächtelang in Clubs gefeiert. Ähnlich geht es meinem Vater, er nickt Menschen zu, die seine Kunden waren. Der Rathausplatz, das Herz Augsburgs, war über Jahrzehnte sein Kaminkehrerrevier. „So eine Gaudi“, sagt er, „fast wie beim Aufstieg des FC Augsburg.“ Ich habe einen ähnlichen Eindruck, doch der gemeinsame Moment ist schnell vorbei. Mein Vater sagt: „Keiner von denen weiß, wie es nach dem Krieg hier aussah, aber jetzt demonstrieren sie.“ Gedanken, die ich nicht verstehe. Ich antworte ihm, sie versammeln sich, weil sie nicht wollen, dass es wieder so wird wie 1939. Mein Vater schweigt.
Viele meiner Freunde sagen, sie können sich diesen innerfamiliären Konflikt nicht vorstellen. Konservatismus kennen sie nur aus den Texten des FAZ-Journalisten Jasper von Altenbockum. Wir leben alle in einer Filterblase, Freunde und Twitter haben ähnliche Ansichten, die Familie meist auch. Bei mir nicht. Meine Freunde sind interessiert an diesem Konflikt. Sie fragen: Will man nicht seinem Vater gefallen? Und möchte ein Vater nicht, dass sein Sohn ihm gefällt? „Wollen wir“, antworte ich dann, „nur politisch geht das bei uns leider nicht.“

Mein Vater hat es eilig, er will wie immer pünktlich sein. Am Hintereingang des imposanten Rathauses aus der Renaissancezeit hatte kurz zuvor ein Pulk Neonazis Reichskriegsflaggenaufnäher, SS-Symbole versucht, sich durchzuschlagen. Auf dem Weg in den zweiten Stock frage ich meinen Vater, ob er schon einmal die AfD gewählt habe. Er sagt: „Einmal, bei einer Stadtratswahl.“ Mir wird mulmig. Im Saal angekommen, schüttelt mein Vater dem Vorsitzenden der Augsburger AfD die Hand.
Sie kennen sich bisher nicht. Zur ganzen Erzählung gehört aber, dass mein Vater auch Podien besucht, auf denen Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht zu Gast sind. Mein Vater ist ein politischer Mensch, er legt sich nicht ohne die Tagesthemen und die allabendliche politische Talkshow schlafen.
Der Saal ist gut gefüllt, rund 300 Menschen. Ich würde mich am liebsten ins letzte Eck verdrücken, mein Vater drängt in Richtung Bühne. Wir nehmen in der dritten Reihe Platz. Zuletzt war ich in diesem Saal, als Peter Licht von Safarinachmittagen sang, traf auf Zeilen und Menschen, die mir vertraut sind. Heute heißt es: „Liebe Frauke, unser Stargast, the stage is yours.“ Abgesehen davon, dass sie fast alle männlich sind, könnten die Gäste kaum unterschiedlicher sein: Männer in mies sitzenden Sakkos mit Deutschlandfahne am Revers, junge Christian-Kracht-Lookalikes und jede Menge Menschen, die aussehen, als wären sie Lehrer. Vor uns sitzen fünf knollennasige Senioren, von denen ich annehme, dass sie sich seit ihrer Geburt von Leberkäse ernähren. Dann beginnt etwas, das einer Szene aus einem Bühnenstück ähnelt.

Personen
BAYERBACH, Stadtrat AfD Augsburg
BYSTRON, Landesvorsitzender AfD Bayern
PETRY, Bundesvorsitzende AfD
MEYER, Wortführer der Leberkäsgang
MEIN VATER
ICH
GEGENDEMONSTRANTEN
BAYERBACH tritt auf die Bühne, im Hintergrund das blaue Banner der AfD, darauf deren Motto
„Mut zur Wahrheit“. Ein paar Tage zuvor ist ein Zug in Bad Aibling entgleist. Elf Tote, bundesweites Entsetzen.
BAYERBACH: „Bitte erheben Sie sich für eine Gedenkminute.“ Rund vierzig Sekunden Stille.
MEYER (händereibend): „Sehr gut, dass er daran denkt. Sehr gut. Das rückt uns in ein gutes Licht.“ Vom Rathausplatz dringen plötzlich laute Gitarrenakkorde durch die Rathausfenster.
MEYER (abfällig):
„Die da unten machen Discomusik und in ganz Bayern tragen sie Trauer. Solche Menschen sind das.“
Nickendes Zustimmen der Leberkäsgang. BAYERBACH beginnt seine Rede.
BAYERBACH: „Wir ziehen die falschen Leute an, die richtigen halten wir ab.“
Die Zuhörer klatschen. Vater auch.
BAYERBACH:„Wenn unsere Merkel sagt, wir schaffen das, ist das Quatsch!“
Zuhörer klatschen. Vater auch.
BAYERBACH:„Die etablierten Parteien verfolgen nicht mit Argumenten ihre Strategie, sondern es wird gehetzt, verleugnet und ausgegrenzt.“
Klatschen. Vater auch.
BAYERBACH: „Was habt ihr in der CSU zu bieten? Horst Seehofer, der eine AfD-Forderung nach der anderen nachplappert? Und was ändert sich? Nicht schreien, sondern handeln, raus aus der Regierung.“
Vater auch.
Ein Lautsprecher versagt.
MEYER (in Richtung Bühne brüllend): „Rechts geht’s nicht, wir hören rechts nichts.“
MEIN VATER (zurückhaltend):
„Dann ist er schwerhörig.“
BYSTRON: „Na, rechts muss man doch von der AfD was hören.“
Stammtischlachen. Vater nicht.
MEYER (giggelnd): „Das war gut, dass er das so gesagt hat.“
MEIN VATER (sich unwohl fühlend, den Blick auf MEYER richtend): „Die haben sie wohl nicht mehr alle.“
Nun spricht PETRY. Nach fünf Minuten stellen sich zwölf bisher getarnte GEGENDEMONSTRANTEN schweigend auf ihre Stühle, sie tragen Shirts mit der Aufschrift „Rassismus trägt viele Gesichter, alle sind hässlich“. Unruhe im Saal. Manchmal spricht PETRY weiter, manchmal bricht sie ab. Minuten vergehen so.
MEYER: „Buh. Schmeißt sie halt raus.“
GEGENDEMONSTRANTEN blasen plötzlich in Trillerpfeifen. Verschiedene AfD-Anhänger stoßen sie von ihren Stühlen.
MEYER: „Früher hätte man die erschossen.“
CHOR (mehrstimmig singend):
„Solche Menschen sind das, solche Menschen sind das.“

Zugegeben, den Chor gibt es nicht und Meyer heißt eigentlich anders, ansonsten trägt sich die Szene genau so zu. Mein Vater lässt die Demonstranten agieren. Er schmunzelt mir nur zu, politischer Zirkus gefällt ihm. Nach wenigen Minuten endet Frauke Petrys zahme Rede. Dennoch: stehende Ovationen. Ich schaue durch die lang gestreckten Rathausfenster nach draußen. Seltsam zerrissenes Deutschland, denke ich. Unten die Gegendemonstranten im goldenen Licht des Rathausplatzes, hier oben die AfDler, die sich vom Büfett Pils in kleinen Flaschen holen, daneben mein Vater. Ich fühle mich noch immer unwohl, ziehe aber ein erstes erleichtertes Resümee. Mein Vater findet, trotz gelegentlicher Zustimmung, keinen Zugang zur AfD. Alleine lehnt er an einem der Stehtische, sagt, er wolle nun gehen.
Den Hintereingang des Rathauses sichern Polizisten und diverse Zäune ab, ein Schutzwall. Vor ihm: linke Demonstranten, Antifa-Gestalten, einer tritt an uns heran.
„Schämen Sie sich nicht, Sie Rassisten?“, schreit er uns an.
„Weißt du, was du bist, ein Riesenarschloch“, antwortet mein Vater ungehalten. In diesem Moment, in dem ich selbst nur zu Boden blicke, bin ich stolz auf meinen Vater. Ich finde, er dürfte höflich nach den Gründen seines Hierseins befragt, nicht aber beschimpft werden. Noch dazu von einem Teenager, der bisher wohl nur das oft tumbe linke Selbstgespräch kennt und dessen politisches Leben offenbar einen Sommer alt ist. Ähnlich geht es mir, wenn Freunde, Journalisten oder Politiker von der AfD hören und die Rassismuskeule auspacken. So schwarz-weiß ist die Welt nicht, sie hat Grautöne, auch im Grenzbereich zwischen Konservatismus, Populismus und Rassismus. Kurz denke ich darüber nach, dem Teenager zu sagen, dass sich mein Vater in einem legitimen demokratischen Prozess befindet. Dass wir mit den alten Zuschreibungen, den Kategorien „links“ und „rechts“, in unserer neuen globalen Welt nicht mehr zurande kommen.
Das beobachte ich an mir selbst. Noch vor einem Jahr wäre es für mich undenkbar gewesen, mich hinter Merkels Politik zu stellen. Heute ist ihr Leitsatz „Wir schaffen das“ für mich alternativlos. Bin ich konservativer geworden? Nein, ich glaube nur, wir müssen alte Muster durchbrechen. Gysi von den Linken sinniert über eine Koalition zwischen der CDU und seiner Partei, der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt: „Ich bete jeden Tag dafür, dass die Bundeskanzlerin gesund bleibt.“ Unter SPD-Anhängern hat Merkel mehr Unterstützer als Sigmar Gabriel vermutlich sogar bei vielen SPD-Politikern. Diese Menschen einigen sich in den Übergangszonen ihrer Werte. Zu dieser Haltung müssten nur sowohl der Teenager als auch mein Vater kommen. Denn wer sich auf eine Ideologie versteift, wird nie verstehen.

Mein Vater und ich schauen uns auf dem Rathausplatz die Reste einer heftigen Nacht an, Spruchbänder, zerborstene Bierflaschen, Konfetti, Müll. Ich schreibe eine SMS an einen Freund. Ich ahne, dass Olli, wie ich Mitte dreißig, auf der Gegendemo war. Olli ist Musiker, nahm mit seiner ehemaligen Band Anajo unter anderem an Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ teil. Er ist schwul, hat bisher stets die Grünen oder die SPD gewählt, ein Gegenentwurf zu meinem Vater. In Augsburg ist er eine Figur der Nacht wie in Hamburg Rocko Schamoni. In Ollis Studio stehen zig Gitarren, die Türen sind mit Matratzen abgehängt, ein Musikergehege. Wir sitzen zu dritt auf zwei alten Sofas Olli, mein Vater und ich , Kerzen flackern auf dem Tisch. Aus den Boxen drängt der vertraute Balkan-Paris-Weltmusik-Sound der Band Beirut.
„Ihr wart also bei der AfD?“, fragt Olli mich und meinen Vater spitzbübisch. „Warum?“
„Die AfD steht für Werte, die die CDU bis vor zehn Jahren hatte. Bevor Merkel sie aufs Spiel gesetzt hat“, antwortet mein Vater.
„Welche Werte denn?“
„Unsere alten deutschen Werte“, sagt mein Vater.
Ich zittere kurz.
„Das ist eine Politik Merkels vor allem zuletzt mit den Flüchtlingen , die Deutschland schadet. Sie ist gefährlich. Die meisten Deutschen wollen das nicht, mehr als eine Million Flüchtlinge das gibt eine ganz andere Kultur. Eine, die sich nicht mit unserer verträgt. Und was wollen wir denn mit den Marokkanern? Das hat Silvester in Köln gezeigt. Das sind außerdem Wirtschaftsflüchtlinge.“
„Deutsche Werte verändern sich auch“, antwortet Olli.
„Aber aufgebaut wurde die Bundesrepublik doch mit den anderen Werten, jahrzehntelang.“
„Sie werden gerade weiterentwickelt.“
„Wo wird denn etwas weiterentwickelt, wenn wir Grenzkontrollen unterlassen und das Dublin-Abkommen verleugnen? Wenn wir unkontrolliert einwandern lassen? Merkel bestimmt, wie wir zu denken haben. Ich denke aber anders“, sagt mein Vater.
„Das war eine spontane Entscheidung, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern“, entgegnet Olli. „Was hätten wir sonst tun sollen?“
„Die Außengrenzen sichern und die Flüchtlinge, die schon hier sind, wieder zurückschicken, sobald sich die Lage in ihren Ländern beruhigt.“
„Die Lager sind eine Katastrophe“, sagt Olli.
„Deswegen müssen wir uns finanziell beteiligen, aber nicht Millionen Flüchtlinge aufnehmen.“
Aus dieser anfänglichen Unterhaltung entspinnt sich eine drei Stunden lange Diskussion, in der ich viel über meinen Vater und die Bürger unseres Landes lerne. Über ein „Volk“, das irritiert ist und sich sorgt um etwas, das es „konservative Werte“ und „deutsche Kultur“ nennt. Ein Volk, das sich sorgt, dass sich seine Kirchen nicht mehr füllen, dass gleichzeitig Minarette gebaut werden könnten; das fremdelt, weil mittlerweile Frauen, die Niqab tragen, hier wohnen, wie im Haus meines Vaters. Ein Volk, für das die aktuellen Nachrichten, die kleinen Augenschlitze des Niqab, das arabische Gespräch im engen Aufzug ein Zuviel an Beklemmung schaffen. Ein Volk, das sich wie mein Vater sorgt, dass die Rente nicht erhöht wird, obwohl man dafür ein Leben lang gearbeitet hat. Ein Volk, das wütend wird, wenn Menschen wie Olli und ich dagegenhalten und sagen: „Wir können uns das leisten. Ich zahle gern den ein oder anderen Euro meiner Steuern für das Wohl der Flüchtlinge.“ Ein Volk, das vom Merkel-Selfie verärgert ist, weil es das als identitätszerstörenden Lockruf deutet.
Mein Vater, das Volk, lässt auch Sätze fallen, die unschön sind, etwa wenn es um das geplante Münchner Islamzentrum geht: „Schon eine Bierflasche wäre zu hoch. Lieber noch ein zweites Hofbräuhaus als ein Minarett!“ Über gleichgeschlechtliche Partnerschaften sagt er: „Ehe ist Ehe, und schwul ist schwul.“ Sogar Olli lacht bei diesen Sätzen, mit denen mein Vater auf jedem politischen Aschermittwoch der CSU und auch auf Ortsverbandstreffen der AfD punkten würde; aber rassistisch sind sie meiner Ansicht nach nicht. Mein Vater sagt: „Man muss auch mal rechts sein dürfen.“ Oder nehme ich nun meinen Vater in Schutz?

Ein paar Tage nach dem Abend in Ollis Studio lese ich in der „Zeit“ einen Essay mit dem Titel „Vom Recht, rechts zu sein“. Darin finde ich alle Gedanken meines Vaters wieder, allerdings rhetorisch geschulter formuliert. Der Autor schreibt, er sehe keine Partei mehr, die seinen konservativen Gedanken eine Heimat bietet. Er finde, das „Institut Ehe und Familie“ sollte nicht auf „alle möglichen Kombinationen und diverse Reproduktionstechniken“ ausgedehnt werden. Die Warnung vor einer Islamisierung finde er keineswegs absurd, er zweifle daran, dass die Eingliederung von vielen Hunderttausend Menschen gelingen könne, und er sehe in der Errichtung von Moscheen, deren Prediger kaum zu kontrollieren seien, keinen Gewinn. Der „Zeit“-Feuilletonist beschreibt sich selbst und bezieht sich auf Intellektuelle wie Peter Sloterdijk und Botho Strauß.
Seine Argumente unterscheiden sich nicht von denen, die an Stammtischen inmitten von Bayern üblich sind. Denn der Bauch meines Vaters speist sich nicht von allein. Ihm muss etwas zugeführt werden Schlagzeilen, Talkshows und Begegnungen. „Politisieren“ nennt das mein Vater, er macht das auf dem Augsburger Stadtmarkt. Dort, auf dem Pfälzer Weinstand etwa, trifft er auf Vermessungstechniker und Rechtsanwälte, auf Einwanderer aus Rumänien und CSU-Stadträte: „Und alle schimpfen sie wie Rohrspatzen auf Merkels Flüchtlingspolitik“, sagt er.
Was für ein irritiertes Land, denke ich. CSU-Stadträte keilen gegen die Kanzlerin, die „taz“ singt Lobeshymnen auf sie, und Olli und ich hätten sie am liebsten für die Öffnung der ungarischen Grenzen im vergangenen August selbst nach Oslo gefahren und dem Friedensnobelpreiskomitee übergeben. Mein Vater sagt dagegen in Ollis Studio mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt: „Diese Politik fällt Merkel auf die Füße. Um achtzehn Uhr mit den Hochrechnungen werden wir in einem anderen Land leben.“

Landtagswahlabend, Sonntag, 13. März, 17.58 Uhr, rund dreizehn Millionen Wahlberechtigte haben in den vergangenen Stunden ihre Stimme abgegeben. Ich sitze mit meinem Vater vor dem Fernseher. Wir essen Hendl mit Kartoffelsalat, und ich frage ihn, was sein Bauch prognostiziert. Er antwortet, dass die AfD klar zweistellig in allen Ländern abschneiden und in Sachsen-Anhalt sogar weit jenseits der zwanzig Prozent landen wird. Er glaubt an einen historischen Rechtsruck. Er wird in wirklich jedem Detail Recht bekommen.
Noch am Wahlabend sagen sowohl „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo als auch Jörg Schönenborn, dass die AfD-Wähler überwiegend keine rechtsradikalen Wähler seien. Mein Vater schaut von seinem Sessel auf und sagt: „Hörst du das, Marco?“ Er meint sich selbst. Dann deutet er auf den Bildschirm. „Das scheppert noch in allen Parteien noch siebzehn Monate bis zur Bundestagswahl.“ Ändere sich nichts, werde sich mit der AfD eine neue Kraft in diesem Land etablieren. Ähnlich, wie es mit den Grünen in den 80er Jahren der Fall war, würde die AfD die ganz schrillen Töne, die man im absurden Entwurf des Parteiprogramms noch nachlesen kann, verlieren. Ich sehe keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln, und denke auch, dass wir uns leider an einen Rechtspopulismus gewöhnen werden müssen, der in Bayern durch die CSU und im restlichen Europa schon Alltag ist.

Die Nacht ist hereingebrochen über Deutschland. In der Wohnung meines Vaters liegt auf dem Fensterbrett neben dem Sessel ein Feldstecher. An Föhntagen sieht man von hier aus die weißen Gipfel der Alpen. Während mein Vater „Anne Will“ schaut, frage ich ihn, was er wählen würde, wäre sein Wahllokal nicht in Bayern, sondern in einem anderen Bundesland. Laut infratest-dimap wäre die CSU für viele AfD-Anhänger eine Option gewesen, wäre sie für ihre Landtage angetreten. Mein Vater antwortet: Petry könnte er sich vorstellen.
Dieser Satz bereitet mir Sorgen um meinen Vater, um Deutschland. Er bedeutet nämlich, dass die AfD für viele Deutsche außerhalb Bayerns das sein kann, was sie verspricht: eine Alternative.
Ein Gedankenexperiment. Wie würde ich mit einem AfD-Sympathisanten reden, der nicht mein Vater ist? Ich würde versuchen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, an einer Bar zum Beispiel, einen Whisky Sour lang. Wenn der andere stur bliebe, würde ich den Kontakt wohl recht bald abbrechen, meine Filterblase aktivieren. Meinen Vater kann ich nicht mehr umstimmen und bleibe trotzdem tief mit ihm verbunden. Mit ihm bin ich milder als mit meinem imaginären Gegenüber: Er ist auch ich. Wir brauchen uns; früher, jetzt, zukünftig.
Umso mehr treibt mich um, wie mein Vater weiter nach einer politischen Zugehörigkeit sucht und damit über meine Grenzen hinweggeht. Ich beobachte ihn, ich nehme ihn in Schutz, ich distanziere mich wieder von ihm. Genauso wie von Deutschland. Ich ahne, dass meinem Vater die Frau Petry gefällt. Vielleicht findet er sie mutig, wenn er sie in Talkshows sieht. Dabei ist sie keineswegs harmlos. Mit ihrem perfiden politischen Spiel überträgt sie Misstrauen auf meinen Vater, bestärkt seine Ängste. Am Ende begegnet er vielleicht sogar seinem iranischen Schuhmacher mit Argwohn, und der oder dessen Söhne spüren das. Deutschland würde erkalten, eine New German Angst gedeihen. Ich traue meinem Vater viel zu, aber eine Abkehr von seinen Positionen gehört nicht dazu, erst recht nicht nach der Erfahrung dieses Tages. Die Welt hat sich zuletzt rasant verändert. Mein Vater ist stehen geblieben, wo auch Seehofers CSU und weite Teile der AfD zu Hause sind. Ich könnte ihn fragen: Was soll denn schon passieren, wenn neue Menschen in dieses Land kommen? Ich ging mit türkischen Gastarbeiterkindern zur Schule, genauso wie mit Balkanflüchtlingen. Heute haben sie Jobs, die wichtig für unsere Gesellschaft sind, sie arbeiten als Kindergärtnerinnen, als Juristinnen und Ärztinnen. Integration hat für mich immer funktioniert. Doch weder Worte noch mein eigenes Aufwachsen werden meinen Vater mehr überzeugen.

Die Nacht, in der Frauke Petry in Augsburg spricht, endet nicht in Ollis Studio. Mein Vater verabschiedet Olli und mich und geht nach Hause, in seine Welt. Wir stehen vor dem angesagtesten Club der Stadt, dem City-Club am Königsplatz, der einfach deshalb so angesagt ist, weil er an Berlin erinnert, so ist das in der Provinz. Früher hatte das Lokal einen miesen Ruf, zwielichtige Gestalten lungerten herum, mein Vater warnte mich. Heute hat der Ort seinen Schrecken verloren. Man kann hier morgens frühstücken, nachmittags Yoga lernen, abends Pizza essen und in den Club gehen, man trifft Menschen mit türkischen oder marokkanischen Wurzeln. Vor der Tür des Gebäudes stehen noch immer wie früher Menschen, rauchen und quatschen. In Ollis Studio war mein Vater beunruhigt, dass wir in den City-Club wollten. Seine Ängste waren noch da, er hatte den Wandel zum Guten nicht bemerkt. Kein Grund zur Sorge um Deutschland, Papa. Da sind nur meine Freunde und ich.