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Insel der Bäume

Wer den Norden Neuseelands entdecken will, muss uralten Giganten aus Holz gegenübertreten, den Kauris. Sie sind die wahren Väter und Behüter dieses stolzen Landes

Die Götter des Waldes wanken, sie ächzen, schaukeln und schlingern. Doch wirklich beängstigend ist das Knarren des Holzbodens, das sich anhört, als würde das Boot gleich auseinanderbrechen.„Keine Sorge, unser Waka ist
unsere Sicherungsweste!“, ruft Peter gegen den Wind. Er muss es wissen, er ist der Kapitän, der sich gerade durch die etwas unruhige See vor Auckland kämpft. Mit Waka meint er das große Kanu, das aus den riesigen Stämmen der Kauris gefertigt wurde. Jene Bäume von der Nordinsel, die teils Tausende von Jahren alt sind und
von denen die Maori sagen, sie seien die stillen Herrscher Neuseelands, die Götter des Waldes.

Diese mächtigen Wesen, die bis zu 50 Meter in die Höhe wachsen, sind das eigentliche Ziel dieser Reise durch den Norden Neuseelands. Sie erzählen die Geschichte des Landes besser, als ein Einheimischer es je könnte, und sind nach wie vor stumme Zeugen der großen Maori-Kultur, die einst von Polynesien übers Meer auf diese Inseln kam. Natürlich beeindruckt Neuseeland auch mit seiner Landschaft. Jeder, der die Verfilmung von J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie des Regisseurs Peter Jackson gesehen hat, besitzt eine Vorstellung von der mystischen Schönheit dieses Landes am anderen Ende der Welt. Da wundert es nicht, dass es ausgerechnet diese Bäume waren, die Jackson dazu bewogen haben sollen, die Ents, jene sprechenden Baumwesen aus Tolkiens Roman, nach dem Vorbild der Kauris zu formen.

Aus gleich zwei Kauris wurde Kapitän Peters Waka geformt, das den Namen „Te Aurere“ trägt und jetzt durch die unruhige See vor Auckland schwankt. „Kia Ora“, hatte er noch im ruhigen Hafen gesagt, was wörtlich übersetzt so
viel heißt wie „Mögest du gesund sein!“ oder „Möge es dir gutgehen!“. Jeder in Neuseeland gebraucht diese traditionelle Begrüßung der Maori – selbst beim Verabschieden. Sie ähnelt damit ein wenig dem italienischen „Ciao“, doch hier in Neuseeland scheint „Kia Ora“ auch eine Art Mantra zu sein, das Besuchern immer wieder
eine ganz eigene Botschaft mit auf die Reise gibt: Sei entspannt und relaxe. Alles wird gut.

An Bord der schaukelnden „Te Aurere“ klappt das nur bedingt, und man würde sich fast ein weiteres „Kia Ora“ von Kapitän Peter wünschen,der es diesmal aber wahrscheinlich gegen den Wind und das laut flatternde braune Segel brüllen müsste. „Das Waka ist nicht für Küstentrips entworfen worden, sondern für die raue See“, erzählt er später. Die „Te Aurere“ hat Reisen nach Tahiti, Hawaii und zu den Cookinseln hinter sich. Insgesamt an die 60.000 zurückgelegte Kilometer, stets navigiert nach Meer, Gezeiten, Gestirn und Gefühl. Kaum vorstellbar, dass vor mehr als 800 Jahren die Maori aus Polynesien mit solchen 18 Meter langen Kriegskanus nach Neuseeland übersetzten und das Land bevölkerten. „Wir machen das hier, weil es den Prozess der Besiedelung Neuseelands durch die Maori symbolisiert.“ Es sei kein schnöder Segeltörn, auch keine Show für Touristen, sondern „eine Verbindung zu den Vorfahren der Maori“.

Diese Verbindung lässt sich aber auch auf dem Landweg finden. Die Spuren der Kauri-Bäume und damit auch die Spuren der Maori sind auf der ganzen nördlichen Insel Neuseelands zu finden. Kapitän Peter gibt den Tipp, in Richtung Norden zu Hekenukumai „Hector“ Busby zu fahren, einem der bekanntesten Maori Neuseelands. Busby hat nicht nur die „Te Aurere“ gebaut, sondern auch rund 30 weitere dieser mächtigen Wakas. Er ist 80 Jahre alt und aufgrund eines uralten Maori-Brauchs der einzige Mann im ganzen Land, dem es erlaubt ist, die eigentlich unter Naturschutz stehenden Kauri-Bäume zu fällen. Im Übrigen trägt er den Verdienstorden der englischen Königin: Er ist Member of the British Empire. „Wir treffen uns in ein paar Tagen um acht Uhr abends bei mir in Taipa“, sagt Hector am Telefon. „Einfach ab dem Ortskern sechs Kilometer in Richtung Sonnenuntergang fahren.“ Eine Navigationsempfehlung wie diese hört man selten, und es fällt schwer, sich vorzustellen, dass es jemals klappen wird, Hector Busby zu treffen. Und natürlich darf eines am Ende des Telefonats nicht fehlen: „Kia Ora.“ Natürlich.

Taipa, der Heimatort Busbys, liegt im Norden der Nordinsel. Auf dem Weg dorthin kommt man unweigerlich auch an der Bay of Islands, dem Areal von Waitangi, vorbei. Diese weitverzweigte Bucht am Pazifik ist umringt von etwa 150 Inseln. Dort befindet sich auch das „Hole in the Rock“, eine Felsformation inmitten der Bay, die von Fischschwärmen und Delfinen – und in Folge dessen auch von Touristen – umkreist wird. Waitangi ist aber vor allem auch der Ort, an dem 1840 der gleichnamige Vertrag geschlossen worden ist – mit dem die neuseeländische Nation gegründet wurde. Das Haus, in dem einst das Papier von weißen Siedlern und Vetretern der Maori-Stämme unterzeichnet wurde, steht noch heute. Neben dem „Treaty House“ ruht auf Stelzen aber auch das gewaltige „Ngatokimatawhaoru“, eines der größten Kanus der Welt. Es ist von 1940, 36 Meter lang, zwölf Tonnen schwer und gefertigt aus einem einzigen Kauri-Baum, restauriert in den 70er-Jahren von Hector Busby – dem Waka-Erbauer. Ohne ihn scheint in den vergangenen Jahren kein einziges Waka zu Wasser gelassen worden zu sein. Dass der Vertrag von Waitangi auf Umwegen auch für die Abholzung der Kauri-Bäume verantwortlich war, ist ein schmerzhafter Punkt in der neuseeländischen Geschichte. Schließlich waren es einst die weißen Siedler, die das Kauri-Holz für sich entdeckten und eine Schiffsladung nach der anderen in ferne Länder exportierten oder wuchtige Häuser und Schiffe daraus fertigten. Heute sind nur mehr etwa ein Prozent der ursprünglichen Bestände erhalten. Wo einst die mächtigen Kauri standen, wurden schnellwachsende Kiefern angepflanzt. Der Holzbedarf damals war enorm und niemand dachte an die Folgen, die dieser Raubbau später einmal haben würde. Immerhin eine Gemeinsamkeit, die Neuseeland mit dem Rest der Welt hat.

Doch es gibt sie noch die Kauri-Wälder. Bill kennt sich dort aus wie kein anderer. Er ist ein hochgewachsener Maori mit der kräftigen Stimme eines Priesters und dem Antlitz eines Indianers. Er fährt mit seinem Bus vom kleinen Ort Omapere aus in Richtung des Hochplateaus, auf dem sich der Waipoua Forest befindet. Der fiel
dem Rohdungswahn der früheren Zeiten nicht zum Opfer, denn er war damals kaum zugänglich. Heute schlängelt sich eine 20 Kilometer lange Straße durch diesen blickdichten, subtropischen Wald, der abseits der Wanderwege nur mithilfe mehrerer Macheten begehbar wäre. Bills Ziel sind zwei riesige Kauri-Bäume, Tane Mahuta und Te Matua Ngahere, der „Gott“ und der „Vater des Waldes“. Die Kauri-Bäume am Rande des Weges zwischen den Farnen, Pilzen
und Büschen sind riesig – zumindest für europäische Verhältnisse. Doch der große Bill sagt: „Das sind nur Babys im Vergleich zu den zwei alten Herren, die wir gleich besuchen.“

Um die Dramatik zu steigern, bittet Bill, die Augen für die letzten Meter zu schließen. Ein paar Momente später sagt er mit seiner tiefen tönenden Stimme: „Willkommen beim Vater des Waldes, bei Te Matua Ngahere“. Auf das Öffnen der Augen folgt Staunen, der Kopf fällt langsam immer weiter in den Nacken. Dann ergreifen einen Ehrfurcht und das Gefühl, das einen immer überkommt, wenn Erhabenes auf Winziges trifft.
Der Anblick ist gewaltig.
Man steht vor einem Baum, der einen Stammumfang von gut 16 Metern hat, etwa 30 Meter hoch und knapp 3.000 Jahre alt ist. Wie klein, wie unwichtig ein Mensch sich plötzlich vorkommen kann. Die Luft riecht nach Moos und scheint noch reiner, noch gefilterter zu sein als auf dem Waldweg zuvor. Am liebsten würde man hier ein Zelt aufschlagen und eine Nacht lang die Würde des Baumes und die Ruhe, die er ausstrahlt, genießen und dem Wind zuhören, der durch seine Blätter fährt und vergeblich seit vielen Jahrhunderten an diesem massiven Stamm zerrt. Sogar der größte bekannte Kauri-Baum der Welt, der Tane Mahuta, der unweit daneben steht, fällt dem ersten, prägenden Eindruck seines Bruders zum Opfer.

Hector Busby wartet knapp 200 Kilometer vom Waipoua Forest entfernt (und tatsächlich sechs Kilometer hinter dem Ortskern Taipa Richtung Sonnenuntergang) an einer Biegung der Straße in seinem Transporter. Dann fährt der 80-Jährige los. Das Ziel ist seine Werkstatt, die eigentlich einer kleinen Werft gleicht. Hector Busby selbst hat mit der „Te Aurere“, dem Waka im Hafen von Auckland, bereits einmal Hawaii und die Cookinseln bereist und den Wellen auf einem Boot getrotzt, das er mit seinen eigenen Händen aus zwei dicken Kauri-Stämmen hergestellt hat. Heute, 20 Jahre später, hat er Probleme, mehr als ein paar Schritte zu gehen. Er setzt sich ganz langsam auf einen alten Stuhl, sein Bauch füllt dabei seinen Blaumann ordentlich aus, seinen rechten Ellbogen stützt er auf ein kleines Waka, das gerade in der Werft auf seine Vollendung wartet. Dann sagt er: „Dieser Ort ist ein kulturelles Zentrum.“ Etwa einmal pro Monat lädt er junge Maori hierher ein, damit sie das Herstellen der Wakas erlernen und sein Erbe, die Tradition, weiterführen. „Ich wollte etwas über unsere Vorfahren lernen und darüber, wo wir herkommen. Doch nun möchte ich diese Kultur weitergeben, weil ich nicht will, dass sie eines Tages verloren geht.“

Neben der Werft entsteht aus diesem Grund gerade eine „Carving School“, eine Schnitzschule. Das Fundament ist schon zu erkennen, bald soll sie fertig sein. Beinahe mythisch ist der Platz, den wir einen Steinwurf entfernt entdecken. Ein roter Stuhl inmitten einer Wiese, festgemacht auf einer drehbaren Plattform, inklusive eines kleinen Steuerrades. Die Möwen kreisen darüber, die sich brechenden Wellen des Ozeans sind zu hören. Um die Plattform gruppieren sich in einem etwa 25 Meter großen Kreis rote Maori-Gottheiten. Hector Busby erklärt: „Hier lernen meine Schüler das Navigieren der Wakas nach den Gezeiten und den Sternen.“ Eine Fähigkeit, die Busby wie kein anderer beherrscht und die ihn schon oft sicher übers Meer geführt hat.

Dieses Können wird er noch ein Mal unter Beweis stellen. Im August wird er mit zwei Dutzend Paddlern und zwei seiner Wakas die unvorstellbar weite Reise übers Meer nach Rapa Nui antreten. Denn die Osterinsel vor Chile gehört geografisch zu Polynesien, ist also Land der Maori-Vorväter. Trotz seines Alters ist sich Hector sicher, dass er seinen Weg zu den Maori-Wurzeln finden wird. Was soll man diesem Mann mit sonnengegerbter Haut, wenigen Zähnen und so viel Lebenserfahrung sagen? Soll man versuchen, ihn davon abzuhalten, versuchen, ihn zu überreden, dieses eine große und vielleicht noch fehlende Abenteuer seines Lebens auszulassen? Soll man ihm sagen, er sei einfach zu wichtig für dieses Land und die Kultur der Maori? D
och man weiß, dass all diese Einwände sinnlos sind, dass sie diesen Mann nicht davon abhalten werden. Und plötzlich überkommt einen die Erkenntnis, dass es eigentlich nur zwei Worte gibt, die man Hekenukumai „Hector“ Busby mit auf seinen Weg geben kann, und er wird sie ganz bestimmt noch viele Male hören, bevor er in See sticht und hoffentlich auch dann, wenn er nach der langen Reise sein Ziel erreicht haben wird: „Kia Ora, Hector.“ Möge es dir gut ergehen. Marco Maurer