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Helm auf, Hirn aus

Der Olympiasieger und Hotelier Patrick Ortlieb demonstriert beim Touristenrennen „Der Weiße Ring“ in Lech-Zürs den Ehrgeiz eines echten Profis

Patrick Ortlieb, österreichischer Abfahrts-Olympiasieger von 1992, erscheint morgens um 11 Uhr in der Bar seines Hotels Montana in Oberlech nahe den mondänen Skiorten Lech und Zürs – und wird sofort von Gästen umringt. Der einst bei Wintersportfansnicht immer populäre Ortlieb, 44, konzentriert sich nach einer kurzen Karriere als FPÖ-Abgeordneter auf seine Arbeit als Hotelier und Präsident des Vorarlberger Skiverbandes. Das jährlich stattfindende Skirennen „Der Weiße Ring“, bei dem sich in Lech-ZürsTouristen und ehemalige Profis messen, entfacht bei dem Rennläufer immer noch die alten Instinkte.

SZ: Herr Ortlieb, schützen Sie Ihre Goldmedaille vor Dieben? Sie hängt gleich neben der Rezeption.

Ortlieb: Ich habe da keine Bedenken. Wenn jetzt einer meint, er muss kriminell werden, bitte! Aber wir sind ja in so einer exponierten Lage, dass ein Dieb nicht so schnell wegkäme. Hier fährt kein Auto her. Man kann nur auf Skiern flüchten. Und derjenige wird dann schon kein Olympiasieger sein.

SZ: Glauben Sie, dass Leute wegen dieses Titels Ihr Hotel besuchen?

Ortlieb: Nein, das glaube ich nicht. Aber mein Skifahrer-Netzwerk ist durch meine Vergangenheit natürlich groß. Von den Leuten sagen viele: Komm, wir gehen in das Patrick-Hotel. Aber ein Olympiasieger bringt auch nichts, wenn die Qualität und der Service des Hauses nicht stimmen.

SZ: Aber Ihre Gäste genießen es manchmal schon, dass sie hier bei einem Olympiasieger wohnen?

Ortlieb: Ich fahre jeden Morgen den „Weißen Ring“ für zwei, drei Stunden. Das ist eine traumhafte Runde. Da sind die Gäste gerne dabei.

SZ: Hat Sie da schon mal ein Gast abgehängt?

Ortlieb: Das ist mir noch nie passiert.

SZ: Man kann im Zillertal die „Stephan-Eberharter-Goldpiste“ abfahren, in Rosi Mittermaiers Hotel in Reit im Winkl nächtigen, mit Uschi Disl auf die Biathlon-Spur gehen. Sie fahren zusammen mit Ihrem ehemaligen Kollegen Marc Girardelli und Touristengruppen Ski in Lech-Zürs. Was ist für ehemalige Profis der Reiz an solchen Aktionen?

Ortlieb: Ich mache das ja nicht hauptberuflich, sondern weil ich dem Ort einen Dienst damit erweisen kann. Aber ganz klar, viele Kollegen machen das als Broterwerb. Da werden hohe Gagen bezahlt. Gerade Firmen wollen sich bei Veranstaltungen gerne mal mit dem Namen eines ehemaligen Olympiasiegers schmücken. Das bringt Prestige. Da ist man gleichzeitig Lehrer, Guide und Unterhalter.

SZ: Was sagt Ihnen die Zeit 44:35:07?

Ortlieb: Das ist mein 2006er-Streckenrekord vom „Weißen Ring“. Die Bedingungen waren hervorragend. Der geübte Skifahrer fährt die Strecke in einer Stunde. Hat man weniger drauf, braucht man eineinhalb Stunden. Wir Ex-Rennfahrer ertappen uns immer wieder, wie wir uns von Möchtegern-Ski-Racern treiben und jagen lassen.

SZ: Wen meinen Sie?

Ortlieb: Leute, die glauben, sie hätten mit Ex-Rennfahrern wie etwa Pepi Strobl, Marc Girardelli oder mir noch eine 20 Jahre alte Rechnung offen, weil sie Skilehrer geblieben sind und manch einer von uns Olympiasieger oder Weltmeister geworden ist. Das ist für die eine echte Herausforderung. Aber für mich ist das immer noch ein Jedermann-Rennen.

SZ: Dennoch gewinnt oft ein Profi beim „Weißen Ring“.

Ortlieb: Irgendwoher hat man noch die richtige Renntaktik und kann ein bisschen mehr mit Material und Geschwindigkeiten umgehen. Ist man einmal ein Rennfahrer, ist man immer einer. Oder anders gesagt: Helm auf, Hirn aus.

SZ: Mit Verlaub, diese Charakterisierung war schon auf dem Weg zu Ihnen zu vernehmen. Zum Beispiel der Taxifahrer sagte: „Der Patrick übertreibt’s ein wenig mit dem Ehrgeiz beim ,Weißen Ring‘.“

Ortlieb: So? Man ist halt der Gejagte.

SZ: 2010 hieß es, sie hätten absichtlich mehrere Tore ausgelassen. Eine Zeitung schrieb gar von „Betrug“. Sie verlangten angeblich eine Gegendarstellung.

Ortlieb: Damals bin ich ein Tor nicht gefahren – aus Sicherheitsgründen. Es war zu viel los auf der Strecke.

SZ: Wird beim „Weißen Ring“ nicht disqualifiziert, wer ein Tor auslässt?

Ortlieb: Sicherheit hat immer Vorrang. Aber mir ist doch egal, was die sagen. Ich finde es traurig, dass sich das Rennen in diese Richtung entwickelt hat. Eigentlich sollte der 70-jährige Großvater genauso viel Spaß dabei haben wie ein 18-Jähriger, der vergangenes Jahr noch Europacup gefahren ist. Dort sollten wir dieses Jahr wieder versuchen hinzukommen. Warum sollte ich, ein Olympiasieger, bei einem solchen Rennen betrügen?

SZ: Helm auf, Hirn aus?

Ortlieb: Erlauben Sie mir zu sagen, dass ich weiß, wie ein Rennreglement ausschaut.

SZ: Gröden in den Dolomiten war Ihre Lieblingsabfahrt Wie ist der „Weiße Ring“ dagegen?

Ortlieb: Naja, das so genannte Madloch ist der längste Teil der Strecke. Die Durchschnittsgeschwindigkeit dort, die Marc Girardelli und ich vor zwei Jahren gefahren sind, ist höher als die schnellste Weltcup-Abfahrt. Und das fahren wir ohne Netze. Da sieht man, wie krank man eigentlich ist.

SZ: Bereiten Sie sich speziell auf das Rennen am 14. Januar vor?

Ortlieb: Das ist meine Hausstrecke, ich kenne sie in- und auswendig. Ich muss nur darauf achten, dass ich im Sommer nicht zu fett werde und der Bauch nicht auf meinen Oberschenkeln liegt.

Interview: Marco Maurer