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Verachtet, verletzt, verehrt

Édouard Louis führt mit seinen Büchern einen Kampf: für die Abgehängten, die Outsider, die Vergessenen und gegen die Strukturen, die diese Menschen an den Rand drängen. Einst war er selbst einer von ihnen, heute ist er in der Pariser Bourgeoisie angekommen. Das macht es nicht leichter

Edouard Louis greift über den Tisch, nimmt dem Reporter den Block ab. Davor hatte man knapp zwei Stunden ein gutes Gespräch. Es wurde gescherzt und gelacht. Aber vor allem: Man hatte einen ähnlichen Blick auf die Welt. Nun, während Louis Augen über die Fragen rattern, kippt die Stimmung am Tisch. Louis sagt, er möchte nicht über den Fall sprechen. Seine Stimme ist nun zittrig. Das bisher äußerst zugewandte Gespräch ist plötzlich vorbei. „Bis morgen“, sagt Edouard Louis, 25, und geht zu einem Freund, der an einem der Nebentische wartet.
Édouard Louis, 24, ist einer der weltweit angesagtesten Buchautoren der Stunde, sein zweiter Roman „Im Herzen der Gewalt“ erscheint in diesem Jahr. Der Ich-Erzähler geht nach einer Weihnachtsfeier bei Freunden nach Hause, ein Algerier namens Reda spricht ihn an. Der Erzähler findet ihn attraktiv, nimmt ihn mit zu sich, dort haben sie Sex. Plötzlich kippt die Szene, Reda vergewaltigt ihn, will ihn umbringen. Entsetzen, Schock, die Wut danach.
Louis schreibt zwar Romane, aber sein Stoff ist die Wirklichkeit. Heißt: Er hat selbst erlebt, was er in der Ich-Form erzählt, und auch Reda existiert. Dennoch sagt Louis über ihn: Reda ist ein Opfer und nicht der Täter. Warum sieht Édouard Louis den Mann, der ihm das angetan hat, in dieser Rolle?

Rückblende, gut zwei Stunden vor dem Gesprächsabbruch: Es ist einer dieser Tage, die inzwischen häufig vorkommen, einer dieser Tage, an denen die Pariser sich einmal öfter als üblich umschauen. La terreur ist wieder in der Stadt. Sechs Soldaten wurden von einem aus Algerien stammenden Mann vorsätzlich mit dem Auto angefahren und verletzt. Sieben Kilometer und einen Sprung über die Seine entfernt vom Tatort wartet Édouard Louis an einem Tisch im Café Le Select, Boulevard du Montparnasse 99, einem Café, in dem schon Hemingway ein und aus ging und das heute im Zentrum der Bourgeoisie liegt. Horrende Mieten, Wein und Austern. Es wird getrunken. Es wird diniert.
Auf den ersten Blick wirkt Louis wie ein Vertreter dieses Milieus, doch seine Geschichte ist eine andere. Er stammt aus der Arbeiterklasse in der Picardie, Nordfrankreich, wo erst Fabriken, Schulen und Schwimmbäder schlossen, dann die Arbeitslosenzahlen nach oben schossen und die Menschen in die Arme Marine Le Pens liefen, darunter seine Eltern.
Heute hat Édouard Louis zwei Identitäten. Im Café Le Select bestellt er Perrier, 6,30 Euro für ein Fläschchen Mineralwasser. Er schlenderte von seinem Appartement rüber, finanziert mit den Einnahmen seiner Bücher. Seine Herkunft verachtet er so sehr, dass er sie mit aller Macht auszulöschen versuchte: Er nahm einen anderen Namen an, trainierte seinen Körper, gewöhnte sich den Provinzdialekt ab, ließ sich sogar seinen Kiefer operieren, wurde Autor. Er scheint angekommen in seiner neuen Identität. „Sobald du Bücher veröffentlichst, bist du Teil der Bourgeoisie“, sagt er selbst.
Sein altes Ich lebt weiter in Eddy Bellegueule, so hieß Édouard Louis früher, und so nannte er den Ich-Erzähler seines ersten Romans. Mit seinen Büchern, die auch die Kindheit im Milieu der Abgehängten schildern, ist er zum Erklärer und vielleicht auch Sprecher dieser Menschen geworden.
Flucht gelungen, Vergangenheit aber präsent.
Tage wie dieser, sagt Louis, sorgen ihn. Aber wie die Menschen halt so seien, sie gewöhnten sich an den Terror. Und damit meint er nicht nur die jüngsten Anschläge, sondern die Gesellschaft überhaupt, das ist sein Thema. „Der öffentliche Raum ist ein Raum des Krieges, eines unsichtbaren Krieges. “ Obdachlose, die auf der Straße schlafen, Araber, die Drogen oder ihre Körper verkaufen müssen, um zu überleben, Ausgegrenzte, die sich dem sogenannten IS anschließen, weil die Terroristen die einzigen seien, die sie mit offenen Armen empfangen all diese Menschen sieht Louis als Figuren in einem Kampf an den Rändern der Gesellschaft. „Und diesen Krieg möchte ich in meinen Büchern darstellen.“
An dieser Stelle spricht Édouard Louis bereits über Reda, ohne ihn beim Namen zu nennen. Reda ist der Sohn eines Gastarbeiters und selbst einen schweren Weg gegangen. Louis glaubt, die an den Rand Gedrängten schlagen zurück, eben weil sie an den Rand gedrängt wurden. Man kann es nun dumm oder clever nennen, wenn er damit auch Islamisten und Vergewaltiger in Schutz nimmt; mutig ist es allemal. Édouard Louis führt Taten von Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, auf eine Ursache zurück: den Unterschied zwischen Oben und Unten, die damit einhergehende Chancenlosigkeit vieler Menschen und den Hass, den diese bei ihnen auslöst.
Damit erzählt er auch von sich, oder seinem alten Ich, von Eddy Bellegueule (übersetzt: schönes Maul), der ja doch irgendwo in Édouard Louis weiterlebt. Er ist homosexuell, und damit haben heute viele immer noch ein Problem, vor allem in der Provinz. Sein Vater nannte ihn Tussi und Tunte, haderte mit ihm, wünschte sich einen anderen Sohn. Seine Mitschüler und Cousins in der Dorfschule erniedrigten ihn.
Heute gibt er nicht seinen Eltern und Mitschülern Schuld an diesen Erfahrungen, sondern auch hier: den Strukturen: „Unser Klassensystem ist der Grund dafür, dass mein Vater rassistisch und homophob ist.“ Araber und Schwule zu hassen lerne man dort, wo sein Vater herkomme, von Geburt an. „Das kann man schon an seiner Sprache ablesen, er sagt niemals Homosexuelle, sondern Tunten. “
Diese Strukturen habe auch er zu spüren bekommen, schon bevor er versuchte, sein Milieu zu verlassen. Ein Aufstieg ist dort nicht vorgesehen, Akademiker wird man nicht. Mit welcher Selbstverständlichkeit er das als Kind lernte, beschreibt Édouard Louis in seinem ersten Roman „Das Ende von Eddy“:
„Die meisten Schüler, vor allem die echten Kerle gingen von der Schule ab und direkt in die Fabrik. Dort sahen sie dieselben Backsteine, denselben Stahl und dieselben Menschen wieder, mit denen sie aufgewachsen waren.
Meine Mutter hatte mir das eines Tages erklärt. (…)
Maman, also nachts, ja, da stehen die Fabriken doch aber still, da schlafen sie doch?
Nein, die Fabrik schläft nicht. Sie schläft nie. Darum müssen dein Vater und dein großer Bruder ja manchmal nachts hin, damit sie nicht stehenbleibt.
Wenn ich groß bin, muss ich dann auch nachts in die Fabrik?
Ja. “

Édouard Louis hat einiges ertragen, um dort zu sitzen, wo er nun sitzt das ist seinen Büchern anzumerken: Outsider-Literatur. „Es gibt“, sagt er, „eine Kluft zwischen der Welt, in der wir leben, und dem, was Literatur über sie erzählt.“ Fast alle wichtigen Stimmen großer Verlage kommen aus der Bourgeoisie. Louis ärgert sich nun, seine Stimme wird brüchig, als er sagt: „Nach meinen Lesungen werfen mir immer wieder Menschen vor, dass ich sehr brutale Erfahrungen schildere, Übertreibungen seien das doch. “ Dann antworte er: „Wissen Sie was, Madame, ich beschreibe einfach nur das tägliche Leben der meisten Menschen. “
Im ersten Roman schildert er seinen Vater beim Schlachten: Die Schreie der Schweine habe man im ganzen Dorf gehört, das Blut habe der Vater aufgefangen, um daraus Wurst zu machen, und dabei auch das Blut getrunken, direkt aus dem verreckenden Tier, Blut auf seinen Lippen, seinem Kinn, seinem T-Shirt. Eine drastische Schilderung, sicher spricht hier auch Abscheu gegen den Vater, gegen das Milieu, und doch wird Louis zugleich zum Erklärer seiner Herkunft. Ist man in der Provinz groß geworden, weiß man, dass schlachtwarmes Fleisch dort als Qualitätsmerkmal gilt; viele Landwirte trinken noch heute während des Schlachtens ein Schlückchen.
Das Gros der Bücher, sagt Édouard Louis, sei verfasst von den oberen 20 Prozent. In Frankreich sind Milieus noch ausgeprägter als in Deutschland. Es gibt vergessene Banlieues genauso wie blitzsaubere Diplomatenviertel, Schulen wirken noch weniger ausgleichend auf die Gesellschaft als bei uns. Unter Journalisten, Lektoren und Professoren ist in Frankreich wie in Deutschland ein Arbeiterhintergrund die Ausnahme. Édouard Louis ist ein linker Intellektueller im engsten Sinne, einer, der von Kampf und Krieg spricht. Ein Soldat? „Ja, ich bin ein Soldat gegen die Bourgeoisie. Je mehr sie mich hassen, desto glücklicher bin ich denn ich erinnere sie an die Wirklichkeit.“
Ein Soldat im Kampf gegen das Milieu, dem er eigentlich angehören will. Édouard Louis rüttelt an den Strukturen, die er kritisiert und leidet zugleich unter der Reaktion. Frankreich ist in diesen Wochen Gastland der Frankfurter Buchmesse. Das „Institut français“ hat laut Louis gut 50 Literaten eingeladen, ihn, den wohl wichtigsten zeitgenössischen Jungautoren Frankreichs, aber nicht. Zu unbequem, glaubt er.
Auch mit seiner Familie trägt Édouard Louis immer noch einen Kampf aus. Seinen Vater beschreibt er im Roman als saufenden, stinkenden, gewalttätigen Fabrikarbeiter und Front-National-Wähler. Seine Mutter als herzlich, aber auch eiskalt. Nachdem der erste Roman erschienen war, trat seine Mutter im Fernsehen auf und sagte, ihr Sohn sei ein Lügner. Zeitweilig hat Édouard Louis mit seiner Familie gebrochen und sie mit ihm. Nach einer Weile sprachen sie wieder, auch über den Fernsehauftritt. Louis fand he raus, dass es die Mutter gar nicht störte, als Rassistin dargestellt zu werden, sondern dass er sie als arm bezeichnet hatte. Auch heute noch schämen sich seine Eltern, etwa darüber zu lesen, dass ihr Sohn Sex mit Arabern hat. „Das ist das Schlimmstmögliche für sie“ , sagt Louis, und damit sind wir wieder bei Reda.
Ein paar Stunden nachdem Édouard Louis die nächste Verabredung absagen lassen hat, schreibt er plötzlich selbst eine Mail: „Let’s have a drink tomorrow afternoon.“ Diesen Vorschlag lässt er wieder platzen, um am Tag darauf doch noch zu einem Treffen zu erscheinen. Café Terminus Nord, ein Art-déco-Café am Nordbahnhof, an anderen Tischen werden Austern serviert. Die gestärkten, gefalteten Tischdecken: unschuldsweiß. Louis ist schlechterer Laune als drei Tage vorher.
Was er auf dem Notizblock gesehen hatte, waren vorsichtige Fragen zu dem Erlebnis in jener Nacht. Aber ein Reporter hat doch die Aufgabe, sich zu erkundigen. „Ja, aber damit verletzt man Menschen, die vergewaltigt wurden und müde sind zu hören, ob das denn wirklich passiert sei“ , sagt er, aufgewühlt. Dabei stand auf dem Block nur, dass manche Pariser Intellektuelle sagen, sie könnten sich Reda nicht als Vergewaltiger vorstellen. Weitere Notizen bezogen sich auf das Gerichtsverfahren zu dem Fall Reda hat Édouard Louis angeklagt, wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte und der Unschuldsvermutung.
Die Stimmung entspannt sich so weit, dass es möglich ist, über Reda zu sprechen. Er hasse diesen Kerl, aber wolle nicht, dass er ins Gefängnis geht. „Erst unsere Gesellschaft hat ihn zu dem Gewalttäter gemacht, der er ist.“ Seine Überzeugung, sein Dogma. Der Kampf gegen diese Strukturen, die Menschen schaden, sei ihm wichtiger als alles andere, wichtiger als seine eigenen Rechte, wichtiger als sein von Reda verletzter Körper.
Édouard Louis sagt, dieser Kampf bedeute ihm auch mehr als das Verhältnis zu seinen Eltern. Liebt er sie? Er schweigt, 20 Sekunden lang. „Ich weiß nicht“, sagt er dann. Bis vor wenigen Jahren habe er gedacht, er liebe sie nicht. Jetzt sei das anders, er verstehe nun, wieso sie ihn so behandelten. Vor Kurzem habe er seinen Vater zum ersten Mal seit fünf Jahren besucht. Er glaube, der Vater liebe ihn auch, schäme sich aber immer noch für ihn. „Es gab einen Moment, da wusste ich, er wollte, dass ich das Haus verlasse.“ Der Vater leidet an einem schweren Rückenschaden und wird von einer Maschine beatmet, Spätfolgen der Fabrik, glaubt Louis. Bei dem Besuch erfuhr er auch, dass sein Vater 25 Exemplare seines Buchs gekauft hat. Seit der Lektüre wähle er nicht mehr den Front National, sondern die Sozialisten, habe sein Vater erzählt.
Seine Bücher, deswegen schreibe er sie auch, bewegen etwas, das weiß Louis. Und dass er nie wieder dorthin zurück will, wo er herkommt. „Davor fürchte ich mich jeden Tag. “ Sein Appartement sei als Sicherheit gegen den sozialen Absturz zu verstehen. Diese Sicherheit könne ihm keiner mehr nehmen.

Marco Maurer fühlte sich bei der Begegnung an seine eigene Geschichte erinnert. Viele Strukturen, die Édouard Louis kritisiert, kennt er aus seiner Working-Class-Biografie. Er beschreibt sie in seinem Buch „Du bleibst, was du bist“.