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Rausch der Sinne

James Blake im Atomic Café

Einen Augenblick brauchte es, dann war es da, dieses Gefühl des Erschauderns, das einem Tränen in die Augen treibt und Gänsehaut im Nacken und an den Oberarmen beschert, weil der Sub-Bass so schön tief angesiedelt ist, dass eine physische Reaktion nach den Gesetzen der Physik einfach nicht ausbleiben kann. Für viele Besucher im Atomic Café war diese Erfahrung eine neue gewesen, denn der Verursacher dieser Sinnesempfindung ist ja erst seit ein paar Monaten auf ihrer Agenda erschienen – und damit einhergehend auch ein Musikgenre, das lange in Vergessenheit geraten war: der Dubstep. Um an den zu erinnern, brauchte es einen mittlerweile 22-jährigen Produzenten, Pianisten und Sänger aus den Randgebieten Londons, dazu brauchte es James Blake.

Funktioniert Dubstep eigentlich nur im Club, war gerade bei Blake die Frage, ob sein wabernder Sound live gelingen würde. Er kann. Blake macht ja schließlich, so schrieben es die Postillen landauf, landab, „Neo-Dubstep“, weil er sich – und das ist neu – auch der Melodie, dem Pop hingibt. Da kommt es vor, dass sich Blakes klare, aber dennoch entrückt-brüchige Stimme im Stile eines Antony Hegartys zu einem mehrstimmig-verzerrten Gospelchor vervielfältigt. Hintergrund ist ein simpler Kniff, Blake loopt seinen Gesang und singt mehrmals darüber.

Während er seinem Piano dunkle Klänge entlockt, ergibt sich ein weiteres Irritationsmoment, da Blake gerne mit geschlossenen Mund auf der Bühne sitzt und sich selbst zuhört. Auch seine zwei Mitmusiker müssen häufig einfach nur gut stillsitzen können. Das Publikum entscheidet sich derweil für ein leichtes Wippen. Vielleicht ja doch alte Dubstepper? Je weiter die Zeit fortschreitet, desto intensiver der Beat und das Wippen. Manche setzen sich aber auch nur, schließen die Augen und erspüren die Reaktion ihres Körpers auf die musikalischen Umstände. Am Ende ergibt man sich dann dem großen Rauschen, das an einen digitalen Wasserfall erinnert. Wann hat man das je einmal in einem Club erlebt, noch dazu bei Dubstep? Marco Maurer